Dienstag, 26. November 2013

Training allein zu zweit, Teil 1.

Wer die Richtung wechselt, tut gut daran, vorher ein klein bisschen abzubremsen.
Das sehe ich ein. Ganz langsam.
Sie sagt:
»Also ich würde Ihnen empfehlen, das Laufen erst mal sein zu lassen.«
Ich verstehe: 
»Danke. Sie können jetzt aufhören, zu atmen.«
»Wie lange?«, frag ich still um Fassung ringend.
»Vier Monate.«
Irgendwas scheint in meinem Gesicht zu passieren. Irgendwas hab ich da nicht mehr unter Kontrolle, denn die Ärztin fügt schnell hinzu:
»Sie können ja Fahrrad fahren.«
Jetzt muss ich an meinen Vater denken, der immer behauptet, ich sähe aus wie ein Tiger, wenn ich besonders wütend bin.
»Oh, the tiger is coming! Careful.«, sagt er dann. Ich verwandle mich soeben in den Tiger, will über den Schreibtisch springen und der Frau dahinter an die Gurgel gehen, ihr die lieblichen Löckchen abschneiden und sie anschreien. Stattdessen steh ich auf. Wortlos. Dreh mich um und aus meinem Mund kommt trotzig wie ein kleines Kind: »Fahrrad fahren! Das ist ja nicht dasselbe!« Aber ach, wem sag ich das? Jemandem, der von Laufliebe keine Ahnung hat. Als ich gehe, weiß ich ziemlich genau, dass ich das nicht schaffen werde.

Zwei Wochen später bin ich wieder da und mein eigentlicher Arzt, frisch aus dem Urlaub zurück, sagt: 
»Alles in Ordnung. Und Sie dürfen laufen. Und Krafttraining machen. ABER NICHT ÜBERTREIBEN!«
Zum ersten Mal seit Tagen kann ich wieder lachen. Ich möchte dem Mann um den Hals fallen, ihn mit Geschenken überhäufen, mit ihm tanzen und ihm in die Seite knuffen. Ich freu mich. Aufs Laufen. Und auf alles, was da kommt.

Es kostet mich wirklich Überwindung, aber in Gedanken streiche ich mein Intervalltraining. Die Sprints. Die Treppenläufe. Ich verabschiede mich von den Burpees, von allem, was mit Springen und viel Puls zu tun hat. Am nächsten Morgen fühle ich mich dann überhaupt nicht wie ich, sondern wie 100. Ich scheitere kläglich an meinen Übungen. Schaff mein Standardpensum an Liegestützen nicht mehr. Ich kämpfe mit den Klimmzügen. Beim Bankdrücken wankt die Hantelstange unsicher über meiner Brust. Ich bin sprachlos. Ich möchte Pausen beim Treppengehen einlegen, was ich nicht mache, weil ich mich fast ein bisschen schäme. Ein Lauf mit einer lieben Ex-Kollegin wird zur Tortur für mich. Zwar kann ich laufen, nicht aber gleichzeitig sprechen. Beim Frühsport mit den Werberkollegen bin ich die Erste, die völlig fertig ist. Und das von meinem eigenen Warm-up. Ich will die Übungen erklären, aber mir geht die Puste aus. Ich kämpfe und halte an meiner Sportlerdisziplin fest, obwohl es mir noch nie so schwer gefallen ist. Im Studio fordert mich ein Kollege zum Einarmige-Liegestütz-Battle heraus – ich winke traurig ab. Heimlich versuch ich’s dann zu Hause und lache über mich, weil ich mich so hoffnungslos überschätzt habe.

Es muss also sein: Ich setze mir ein wahnsinnig niedriges Pulslimit und laufe nur noch mit Herzfrequenzmesser. Ich lasse mich von allen Läufern Hamburgs überholen und tröste mich damit, wenn ich Fehler im Laufstil der Vorbeiziehenden finde. Genug Zeit hab ich ja jetzt, sie von hinten zu analysieren … Derweil merke ich ganz langsam, wie sich mein eigener, jahrelang einstudierter Laufstil verändert, die Schrittlänge kürzer wird, meine Füße unsteter landen, meine Gelenke stärker belastet werden … Und ich ahne: Ja, ich werde mir bald ein Alternativtraining suchen müssen. Rudern, vielleicht. Oder dann doch: Fahrrad fahren …
Und immer is irgendwas: ein Hexenschuss. Dann schmerzt eine Sehne meines Fußes nach ein paar Kilometern, dann eine in der Leiste, mein Hintern … 
»Dass Du aber auch immer so viel …«, es hagelt Vorwürfe von meiner besorgten Mutter.
»Du kannst doch nicht den schweren Koffer allein …« – und von meiner Freundin Saskia. Keiner versteht, dass ich so schnell gar nicht umdenken, nicht runterfahren kann und auch nicht will. Nun, doch. Einer versteht es. Und das ist einer der Gründe, weshalb ich mit ihm jetzt eine Familie gründen werde.

Als ich im Studio Kniebeuge mit der Langhantel mache – bei deutlich reduziertem Gewicht – hat das ungeahnte Folgen. Am nächsten Morgen wache ich mit einem dramatisch angeschwollenen, schmerzenden Knie auf und langsam fang ich an zu kapieren: Mein Körper macht die krasseste Veränderung ever durch, er ist nicht mehr derselbe. Ihn jetzt neu kennen zu lernen, üb ich noch. Ich bin also mitten im Training – wie immer. Nur ein anderes als sonst: ein Training allein zu zweit. Und wie großartig ist das bitte, ständig einen ganz besonderen Trainingspartner mit dabei zu haben? Ich hoffe, er hat Geduld und ist nachsichtig mit mir – und Ihr hoffentlich auch. Ich werde es doppelt zurückzahlen und kann's kaum erwarten, das zu tun.

Und hier lest Ihr übrigens wie's weitergeht: »Training allein zu zweit, Teil 2.«

Dienstag, 12. November 2013

Die Kunst des coolen Fallens.

Ein cooler Slide mit Wanderschuhen – ohne zu fallen!
Zugegeben: Fallen ist schon irgendwie fies. Vor allem, wenn man Zuschauer hat. Fällt man beim Sport, z.B. beim Tennis oder Radfahren, kommt das immer atemberaubend spektakulär. Manchmal ist Fallen dabei sogar Pflicht wie beim Fallrückzieher im Fußball oder beim Sliden im Baseball. Von Base zu Base zu rutschen bringt eine Menge Spaß und weil es eine Art des kontrollierten Fallens und Schlitterns ist, sieht das sogar meist ziemlich stylisch aus. 
In echt und ohne Sport ist Fallen eher uncool. Vor Jahren bin ich mal vor meiner Haustüre ausgerutscht und hingefallen. Direkt in dem Moment, als meine Nachbarin heraustrat, die dann überrascht fragte: »Was machst du denn da?« – Ja, was machte ich da eigentlich? 'Ne kleine Pause? Ein Picknick? Eine Sitzblockade? Bekloppte Frage, aber ich glaube, sie wollte die Antwort ohnehin nicht wissen, überließ sie mich doch ziemlich schnell einfach mir selbst. Weitere Schmach blieb mir so wenigstens erspart. 
Mit den Jahren summierten sich meine Stürze (auf nassen Holzdielen nach einer Weihnachtsfeier, im Schnee während meines obligatorischen Jahresendlauf, auf dem Weg zu einem Geburtstag …), so als läge mir etwas daran, eine sportliche Disziplin draus zu entwickeln. Inzwischen bemühe ich mich mehr und mehr um den Style, was nicht einfach ist, schließlich kann man sich nur schwerlich aufs Fallen vorbereiten (wobei ich glaube: Functional Training und Koordinationstraining hilft). Ziemlich cool muss mein Ausrutscher auf einer Eisfläche ausgesehen haben. Ich zwischen zwei Kollegen auf dem Nachhauseweg. Wie so oft meine Sporttasche in der Hand – und plötzlich verlor ich den Bodenkontakt. Warf Beine und Sporttasche in die Luft und landete kurze Zeit später unsanft auf dem Hintern. Ich versuchte noch meine Tasche aufzufangen, aber die landete relativ weit weg von mir. Ein Abzug in der B-Note.
Für den Sturz vom Rennrad letztes Jahr konnte ich nichts. Zeugen zu Folge hatte er Stunt-Qualitäten.
Mein diesjähriger brillantester Sturz gelang mir während eines Laufs auf Sylt. Es dämmerte leicht. Ich war mindestens 13 km/h schnell und überquerte eine Straße, auf deren gegenüberliegenden Seite die Ferienwohnung lag. Diese schwere Metallkette, die über dem Bordsteinrand hing, sah ich genau eine Sekunde bevor ich nahezu ungebremst hineinlief. Ich fiel der Länge nach drüber. Direkt vor eine Menschentraube und vor die Füße einer Frau, die sich später als direkte Türnachbarin entpuppte. Glücklicherweise kam ich ohne bleibende Schäden davon – außer verletztem Stolz, Schnittwunden am Bein und Prellungen. Ich kann es schwer einschätzen, aber ich glaube, der Sturz sah ziemlich gut aus. Je länger die Flugphase, desto cooler. So viel habe ich mit den Jahren gelernt.
Mein jüngster Clou übrigens: ein Fast-Sturz beim Wandern. Ich schlitterte überraschend den vom Regen aufgeweichten Bergweg hinab und das – wohl gemerkt – ohne zu Fallen. Ich konnte mich geschickt mit den Händen auffangen. Wie ein Profi – der ich ja inzwischen bin. Und wie beim Baseball-Slide, eine Art kontrolliertes Fallen und Schlittern. Mein guter Freund Olli bestätigte: »Es sah sehr eindrucksvoll aus.« Ich triumphiere immer noch.
Solltet Ihr also Lust auf einen Contest haben, meldet Euch – ich bin allzeit bereit. Vielleicht mach ich auch 'nen Kurs draus.