Donnerstag, 29. September 2011

Wie ich zum Laufen kam.

Ich bin nicht süß. Ich bin schnell.
Ich war klein, schüchtern und hatte ständig einen Eiskonfekt beschmierten Mund. Immer wieder kamen riesige Leute auf mich zu, die mich anschauten, mir in die Haare griffen und so was sagten wie „Och, süß, die Kleine!“ Das ging mir irgendwann so auf die Nerven, dass ich begann, ganz grimmig zu gucken. Aber das schien die Leute überhaupt nicht abzuschrecken. Im Gegenteil: „Och, hat sie schlechte Laune? Süß.“ Als ich ein winziges Stück gewachsen war, kamen nicht mehr ganz so viele Leute, um mich zu betrachten. Aber die, die kamen, sagten auf einmal so was wie „Ach, also wenn die mal älter ist, dann werden der alle Jungs hinterherrennen.“ – und ich begann mir ernsthafte Sorgen zu machen. Wirkliche Sorgen. Was sollte ich tun, wenn mir diese Jungshorden hinterherrannten? Ich musste die irgendwie abhängen, überlegte ich. Und war im Grunde sehr froh, als meine Eltern fanden, es wäre doch was Tolles, mich in einem Sportverein anzumelden. Leichtathletik, das ist doch ein feiner Sport! Und wie der Zufall es so wollte, schien ich wie gemacht fürs Laufen und Springen. Für das Werfen allerdings nicht so. Aber das brauchte ich ja auch nicht, wenn ich vor den Jungs davonrennen wollte. Und ja, das klappte. In meiner Grundschule war ich nicht nur das schnellste Mädchen aller Mädchen, sondern auch das schnellste insgesamt. Es gab nur einen Jungen, der FAST so schnell war wie ich. Und den mochte ich eigentlich ganz gern. Vielleicht, WEIL er so schnell war. Aber er wurde immer ganz furchtbar wütend, wenn ich gegen ihn gewann und ich muss gestehen, ich hatte ein ganz klein wenig Mitleid mit ihm. Als ich dann irgendwann so groß war, dass ich sogar studieren konnte, feilte ich weiter an meiner Schnelligkeit und an meinem Laufstil. Der Grund: An der Universität gab es sehr viele Jungs. Und ich behielt sie immer gut im Auge. Einer von denen wollte unbedingt mit mir laufen gehen. Dass er nicht mit mir mithalten konnte, kränkte ihn ungeheuerlich. Er lief nicht mehr hinter mir her. Er meldete sich auch nie wieder. Ich hatte ihn also erfolgreich abgehängt. Und das stimmte mich dann doch etwas traurig. 
Heute mach ich so was natürlich nicht mehr. Heute versuche ich es immer so aussehen zu lassen, als wärt Ihr die Schnelleren. Ich weiß ja, wie sehr Euch das weh tut, Jungs. Üben tu ich aber trotzdem noch. Man kann ja nie wissen … 

Mittwoch, 14. September 2011

Das Monster von Well Ness.

Lomi Lomi?
Es war einmal ein Monster. Das Monster arbeitete ziemlich viel. Und wenn es sich ehrlich eingestand, so befand sich das Monster ganz kurz vorm Burn-out. Eines Tages, beschloss das Monster, sich nach all den Jahren der Plackerei endlich mal was Gutes zu tun. So für sich. Es wollte sich eine „Auszeit“ nehmen – wie es so oft gehört hatte. Von einem befreundeten Monster bekam es den Rat, einen Tag lang einfach mal im Fitnessstudio zu entspannen. Nur etwas für sich, für seinen Körper und den Geist zu tun. Das klang toll, fand das Monster, wurde aber gleich von heftigen Zweifeln gepackt.
„Dürfen wir da überhaupt rein, wir Monster?“, wollte das überarbeitete Monster wissen.
„Klar!“, antwortete der Monsterfreund, „Die lassen da alle rein, sogar uns Monster.“
Toll, dachte das Monster und packte gleich seine sieben Sachen zusammen und begab sich in das Fitnessstudio.
Wow, das war richtig riesig! Das Monster brachte an der Rezeption sein Anliegen vor und so drückte man ihm einen Flyer in die Hand, damit es sich überlegen konnte, welche Form der Entspannung ihm am ehesten zusagte. Diesen Flyer konnte man aufklappen, noch mal aufklappen, noch mal und noch mal … es hörte gar nicht mehr auf. Das Monster las etwas von entspannenden Massagen. Mit Ziegenbutter, Kräutern, Ayurveda, Lomi Lomi, Lavendelflocken, Hot Stones, Hot Chocolate (das gefiel im auf Anhieb ganz gut). Es las etwas von Schröpfmassage, Lymphdrainage und Cranio Sacral. Es erfuhr, dass es auch die Sauna nutzen konnte. Die finnische, die Stollensauna oder die Textilsauna. Das Monster durfte dabei sogar den Aufguss wählen. Einen Lavendelaufguss, einen Honigaufguss, einen Salzaufguss, einen Fruchtaufguss, einen Birkenaufguss. Wenn es dann noch Zeit und Lust hätte, könnte es anschließend das Dampfbad testen. Das türkische (Hammãm), das russische (Banja), das römische (Caldarium) oder das japanische (Sentõ). Vielleicht würde es davor auch einen Yogakurs besuchen. Ashtanga-Yoga, Kundalini-Yoga, Hatha-Yoga, Karma-Yoga, Bikram-Yoga, Hormon-Yoga, Luna-Yoga oder Yogalates. Und danach hätte es sicherlich einen Monsterhunger. Auch hier gab es reichlich Angebote: Maiscremesuppe mit Ingwer & Kokos, Kartoffel-Hummercremesuppe mit Limone, Schwarzer Linsensalat mit Himbeeressig, Waldbeer-Gazpacho mit Bröckelbaiser, Rosenmilchreis mit Aprikosenpüree. Und zu trinken gab es auch eine Menge: Melonen-Petersilien-Smoothie, Ananas-Blaubeer-Ingwer-Smoothie, Papaya-Ingwer-Karotten-Smoothie, Mango-Kurkuma-Limette-Smoothie, Ingwer-Wasser, Entspannungstee, Rotbuschtee, Grüner Tee, Schwarzer Tee, Weißer Tee, Gunpowder Tee …
„Verzeihung? Haben sie sich bereits entschieden?“, wollte die Frau an der Rezeption wissen? Das Monster, das durch die viele Arbeit ohnehin etwas gereizt, nun zusätzlich durch diesen Flyer völlig überfordert war, fühlte sich mit einem Male sehr bedrängt. Sehr, sehr. Es blickte auf und seine Augen funkelten gefährlich. Obwohl es wusste, was Anstand bedeutete und obwohl es ein sehr nettes Monster war, fühlte es plötzlich große Wut und Verzweiflung in sich aufsteigen. Es öffnete seinen großen Monstermund und versuchte etwas zu sagen. Etwas, das sich anhörte wie „Einmal Hot-Chocolate-Massage mit Mango-Kurkuma-Limetten-Smoothie und danach einen Lavendel-Aufguss mit Lomi Lomi und Luna Yogarrrrrrrr. Grrr.“
Das arme Monster zeigte seine scharfen, spitzen Zähne. Ohne, dass es sich versah, hatte es der Rezeptionistin den Kopf abgebissen. Und den, von der Kollegin der Rezeptionistin. Auch den vom Studiomanager, der auf einmal angerannt kam. Und die Köpfe, der Lomi-Lomi-Masseurinnen und dem des Birkam-Yoga-Lehrers.
„Ich wollte doch nur eine Auszeit nehmen. Und mich erholen!“, weinte das Monster, als ihn sein Monsterfreund rügend nach Hause geleitete.
„ERHOLEN!“, schrie das Monster wütend, „Dabei gab es da gar nichts, um mich RICHTIG zu erholen!“, das arme Monster war sichtlich verzweifelt und weinte und weinte und – schwupps – da biss es auch dem erstaunten Fitnessstudio-Parkplatzwächter den Kopf ab. Und wenn das überarbeitete Monster nicht gestorben ist, dann … huch, es steht direkt hinter Dir!