Freitag, 29. April 2011

In der Umkleidekabine. Teil 2.

Von der Läuferin zur Frisörin zur Saunagängerin.
In der Umkleidekabine geht alles!
Nein. Ich will Euch nicht langweilen. Dass ich heute schon wieder über Umkleidekabinen schreibe hat einen ganz einfachen Grund. Es klingt absurd, aber das ist der Ort, an dem die WIRKLICH merkwürdigen Dinge im Leben eines Sportlers geschehen. Ihr glaubt mir nicht? Dann lest einfach mal weiter.
Ich im Studio. Fertig. Hinter mir liegt ein anderthalbstündiges Intervalltraining auf dem Laufband. Intervalltraining heißt: Sprich mich hinterher auf GAR KEINEN Fall an. Wenn Du mir was Gutes tun willst, geh mir einfach aus dem Weg. Oder sorge dafür, dass eine Dusche mit genügend Warmwasser frei ist, genügend Trinkwasser bereitsteht und alle Spiegel abgedeckt sind. Danke.
Ich schleppe mich also nach dem Intervalltraining Stufe für Stufe hinunter und halte mich dabei am Geländer fest. Meine Beine sind wackelig. Ich will jetzt duschen. Dann saunieren und hinterher ein Schwein verdrücken. Dazu einen Sack Kartoffeln und ein bis dreiundzwanzig Schokoladendesserts, dann bin ich wieder okay. Ich mach das ja nicht zum ersten Mal. Zum ersten Mal passiert mir dann aber Folgendes: Ich komme an meinen Spind, ein paar Meter weiter eine Frau. Sie benimmt sich irgendwie verdächtig und ich hätte gerne, dass sie sich spontan in Luft auflöst. Ich zwinkere angestrengt, aber sie ist noch immer da. Näher an mir dran als zuvor. Sie schaut mir mitten ins verschwitzte Gesicht. Meine Kleidung klebt an mir und gefühlt auch diese fremde Frau. Ich weiche zurück. Sie fängt an zu sprechen.
„Entschuldigung, dürfte ich Sie um etwas bitten?“
NEIN!
„Äh, ja?“, sag ich. Meine es aber nicht so.
„Ich weiß, das ist jetzt etwas ungewöhnlich, aber könnten Sie mir eben die Spitzen schneiden?“
„Ich soll, was?“
„Das sieht überhaupt nicht mehr schön aus, da. Alles so ausgefranst. Einfach nur kurz hier …“
Die Verrückte hält mir eine Haarschneideschere hin.
„Ich wollte eigentlich duschen und in die Sauna und es ist schon spät …“
Ich bin zu schwach und unterzuckert, um ordentlich zu protestieren.
„Das ist ja keine große Sache. Einfach schneiden!“, sie ermuntert mich mit einem Nicken.
Ich nehme also tatsächlich diese Schere in die Hand und beginne in der Umkleidekabine die Spitzen einer wildfremden Frau zu kürzen. Ritschratsch. Fertig. Haare schön.
„Bitte!“, ich kann nicht glauben, was ich getan habe und reiche die Schere ihrer Besitzerin zurück.
„Ach, vielen Dank. Das war wirklich sehr nett. Ich konnte die Fransen echt schon nicht mehr sehen! Danke!“
Schon gut. Weg jetzt, Frau. Tschüss. Ich geh duschen. Ich sauniere. Dusche noch mal und erzähle Freunden am nächsten Tag, was mir passiert ist.
„Diana, geht’s noch? Das hast Du nicht getan! Du bist einfach immer viel zu nett!“
Ich bin doch nicht nett! Was soll das überhaupt heißen: zu nett. Man kann doch mal was Ungewöhnliches tun und in der Umkleidekabine wem die Haare schneiden … Ich denke nach. Dann dämmert‘s mir. Diese Unterzuckerung …, die ist nicht gut. Zum ersten Mal seit meiner Schulzeit geh ich los und kaufe – Traubenzucker. Für Notfälle. Man weiß ja nie, auf wen man trifft. Meinen Spind hab ich übrigens auch gewechselt. Haare wachsen ja relativ schnell nach.

Montag, 18. April 2011

Hamburg, deine Läufer.

Erwischt! Auch oft unterwegs: der Freizeitschuhläufer“.
Er ist da, der Frühling. Endlich. Es hat auch diesmal wieder eine halbe Ewigkeit gedauert. Und wie immer ist er nicht allein gekommen. Auch sie sind wieder da: die zahlreichen Draußenläufer. Ich weiß WIRKLICH nicht, wo sie sich all die Zeit versteckt haben. Aber gerade jetzt, wenn’s wieder warm wird, hat man verstärkt das Gefühl, die Hobbyläuferschar sei um das Fünffache angestiegen. Woran das liegt? Egal. Denn das Schönste an dieser Läuferjahreszeit ist eigentlich (außer selbst zu laufen), dabei zuzuschauen. Ich mach das gern. Dann sitz ich da irgendwo im Verborgenen – manchmal streife ich auch schmale Seitenwege entlang – und betrachte diesen und jenen Läufer. Es gibt kaum etwas, das so unterhaltsam ist! Ich kenn sie alle, darum gebe ich ihnen heimlich Spitznamen. „Litti“ zum Beispiel. Selten einen Läufer gesehen, der solche O-Beine hat. „Litti“ verleitet mich jedes Mal fast dazu, unaufgefordert einen Fußball durch sein enormes O zu kicken. Ich mach’s natürlich nicht. Schließlich will ich meine Deckung nicht aufgeben. Ich warte lieber. Bis „Minnie Mouse“ vorbeiläuft. Sie ist echt sehenswert, schon allein ihres Outfits wegen. Es ist rosa. Von oben bis unten. Ihr Kopf hingegen leuchtet rot. Ich schätze sie auf Anfang zwanzig. Sie ist eine winzige Person, die fünfzehn Schritte macht, während ich einen tue. Und ich bin schon nicht groß. Schaut man ihr zu, hat man das Gefühl, sie rase, weil sich ihre Beine so ungeheuerlich schnell bewegen. So wie in den Zeichentrickfilmen. Wenn Roadrunners Beine durchdrehen, eine rotierende Scheibe bilden und dabei eine ungeheuerliche Staubwolke aufwirbeln. Bei „Minnie Mouse“ ist das ähnlich, nur bewegt sie sich dabei kaum ein paar Meter nach vorn. Lustig! Das Gegenteil von ihr ist „Bud“, der Riese. Er tut einen Schritt, da mach ich 15. Seine Schritte sind allerdings schwerfällig. Bei jedem einzelnen bebt die Erde als würde sich das ganze Zillertal auf zum Sonntagsspaziergang machen. Wen ich ganz besonders ins Herz geschlossen habe, ist der „Finisher – Hamburg Marathon 2003“. Der ist richtig schnell unterwegs, trägt immer das gleiche Shirt (er muss mächtig stolz sein) und läuft mit lustig abgeknickten Handgelenken. Eigentlich soll man das ja nicht machen. Vielleicht sag ich ihm das irgendwann, aber ich ahne: Er wird sehr wütend auf mich sein. Ihn würd ich gern mal gegen „Kitty Mambo“ laufen sehen. Die Amazone unter den Draußenläufern! Hui, ich hab sie bestimmt schon 100 Male übersehen, weil sie einfach so schnell ist. Sie fliegt! Wer weiß, vielleicht ist sie auch nur eine Illusion. „Flummi“ ist dafür ganz sicher keine. „Flummi“ ist richtig toll. Der Junge läuft höher als weit. Ich lache. Klopfe mir auf die Schenkel und schwöre mir zum wiederholten Male, dass ich mich nie, aber auch wirklich niemals während des Laufens fotografieren lasse, selbst dann nicht, wenn ich ins Ziel einlaufe. Mit diesem Gedanken im Kopf schnür ich meine eigenen Laufschuhe und los geht’s.