Dienstag, 28. Dezember 2010

Große Liebe Laufen.

Goldmedaillengewinner 2010.
Im Nicht-Marathonlaufen.
Ich mag’s im Sommer. Bei 30 °C, wenn mir der Schweiß den Rücken runterläuft. Ich mag’s im Winter. Bei klirrender Kälte, wenn mir das Gesicht zu gefrieren scheint. Ja, ich mag’s manchmal auch bei Regen, wenn ich durch knietiefe Pfützen waten muss. Sogar auf Laufbändern find ich’s okay, das Laufen. Ich mag’s einfach (fast) immer. Weil es was Meditatives hat. Und ja, mir ist wohl aufgefallen, dass ich mit dieser Laufliebe nicht alleine bin. Immer mehr mögen es. So sehr, dass die vielen Alternativen inzwischen völlig uninteressant geworden sind: Einst gab es da noch das Inlineskaten. Gut, die meisten haben längst kapiert, dass es bescheuert aussieht, mit globigen Robocop-Plastikschalen am Fuß durch die Gegend zu gleiten (tut mir leid, liebe Inliner, aber schön ist halt echt was anderes). Dann gab es noch dieses Nordic Walking – die Stöcke! Pah, peinlich. Scharren und Klackern auf Asphalt (nein, liebe Walker, ich ergreife keine Partei für Euch, Eure Stöcke nerven einfach zu sehr)! Anschließend wollten alle den Jacobsweg gehen. Bitte, wenn’s sein muss. Ihr hattet ja wenigstens keine Stöcke mit. Hattet Ihr nicht, oder? Und jetzt wollen alle laufen? Das heißt: Würden alle einfach nur laufen wollen, fänd ich das fast gar nicht merkwürdig. Aber auch das schlichte Laufen selbst scheint überholt. Viel cooler ist die Extremvariante: Marathon laufen. Warum genau? Gucken, wie weit man kommt? Sich selbst etwas beweisen? Die eigenen Grenzen austesten und so? Gut, kann ich nachvollziehen. Aber müssen es gleich qualvolle 42,195 km sein? Nimmt der Wettstreit dem Laufen nicht seinen entspannten, kontemplativen, friedlichen Charakter? Kann ich nicht einfach laufen ohne Marathon zu laufen? Geht das vielleicht? Danke, das wäre nett. Das Laufen ist doch gerade deswegen so liebenswürdig, weil es so herrlich simpel ist. Ich brauche keine Pasta-Party – Reis mag ich ohnehin viel lieber. Ich brauche weder eine festgelegte Strecke, noch zigtausend Mitstreiter, die alle schneller sein wollen als ich. Wenn ich mich auf den Weg mache, dann kann ich mir ganz sicher sein, wer als erster das Ziel erreicht. Ich nämlich. Und zwar immer. Ist das nicht wunderbar? Ich freu mich jedes Mal, als hätte mir wer eine Goldmedaille verliehen, ehrlich! Ja, doch, ich könnte einen Marathon laufen, wenn ich wollte. Aber ich will ja nicht. Nur glaubt mir das keiner. Erst letzte Woche wieder. Typisches Szenario.
Typ sagt: „Wie lange läufst Du – zwei Stunden?“
Ich sag: „Nein, anderthalb!“
Typ sagt: „Cool, anderthalb? Trainierst Du für den Marathon oder so?“
Ich sag ungehalten: „N-E-I-E-N, ich trainiere NICHT für den Marathon. Ich lauf nur so … halt für mich. Um den Kopf frei zu kriegen und so. Kein Marathon. Nein. Und kein Halbmarathon. Nix. Nur so!“
Typ sagt: „Echt? Das ist ja verrückt!“
Ich denk: Ja, völlig abgefahren. Wahnsinnig verrückt. Aber Marathon. Voll normal.

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Yo, ga nich schlecht.

Shirshasana – steht wie ‘ne eins!
Ja, ich geb’s zu. Ich war eine von ihnen. Eine von denen, die Yoga ziemlich … absonderlich finden. Bitte – NEIN – hört jetzt nicht gleich auf zu lesen. Ich sagte WAR. Ich WAR eine von ihnen. Alles klar? Aber Ihr müsst schon zugeben, das Ganze ist wirklich gewöhnungsbedürftig. Dieses Om. Die Atmung. Lehrer mit Turbanen (ich trag auch welche, selten beim Sport). Das Barfußsein. Ist das eigentlich richtiger Sport? Und schwitzt man überhaupt? „Ja, du wirst schwitzen!“, stellt meine Freundin Isabella in Aussicht. Aber glauben tu ich ihr kein Wort. Ich kenne Chest Press, Jumping Jacks und Scott Curls. Was soll ich da mit der Stellung des Kindes? Aber ich hatte ja gar keine Wahl. Egal, wen ich traf: „Ich war grade auf Yoga-Reise, das war so wunderbar!“ oder „Ach die, ja die macht jetzt ‘ne Ausbildung zur Yoga-Lehrerin!“ oder „Dienstag Essen gehen? Nee, du. Da hab ich Yoga!“ und als ich irgendwann mit „Namaste“ verabschiedet wurde, machte ich mir ernsthafte Sorgen. Ich würde sehr bald schon ganz alleine sein. Wenn ich mich nicht langsam doch diesem Yoga-Thema nähern würde. Egal wie. Ich schob es lange vor mich her bis … Ja, bis Isabella in einem Anflug von kindlichem Übermut einfach so mir nichts, dir nichts den Kopfstand machte – Shirshasana, die Königsdisziplin. Für Gleichgewicht, geistige Stärke und innere Klarheit. Ich war tief beeindruckt. Fortan begann ich heimlich zu googlen. Asana, Hatha, Bikram, Kundalini (oh – dieses Wort mag ich!). Und irgendwann heimlich den Kopfstand zu üben. Was natürlich nicht klappte. Zumindest nicht annähernd so wie bei Isabella. Puh, was machte mich das wütend! Und es brachte mein Inneres völlig aus dem Gleichgewicht, geistig stark war ich nun auch nicht mehr, denn ich fühlte mich ziemlich unterlegen: Ich kann zwar schnell und lange laufen. Ordentlich Gewichte tragen, weit springen, zig Crunches. Aber den verdammten Kopfstand, den kann ich nicht! Auch die innere Klarheit war mir längst abhanden gekommen. Was noch da war, war mein Ehrgeiz. Muss doch zu schaffen sein, diese Asana. Also tippelte ich schüchtern hinter Isabella in den Yoga-Kurs. Power-Yoga. Ich sollte von der Planke in den Krieger und so, dann irgendwas mit einem herabschauenden Hund. Vor mir ein Mann der schwitzte wie ein Schwein. Ich tat einfach das, was die anderen taten und als der Kurs vorüber war, wollte Isabella wissen: „Na wie war’s?“ „Yo, ga nich schlecht!“, sagte ich etwas außer Atem und rieb mir den Schweiß von der Stirn. Und jetzt bin ich eine von Euch. Oder?

Freitag, 17. Dezember 2010

In der Sauna.

Ein Ort der Ruhe. Wenn keiner da ist. 
Manchmal fühle ich mich wie ein Alien. Und das nur, wegen dieser einen besonderen Eigenschaft, lange still sitzen zu können. Stillsitzen und dabei ewig lange nix sagen. Also das kann ich ziemlich gut, finde ich (und meine Kollegen würden das bestätigen – an manchen Tagen sind sie überrascht, dass ich noch da bin, so still wie ich da sitze …). Dass ich das ziemlich gut kann, fällt mir immer ganz besonders dann auf, wenn ich in der Sauna bin. Während ich nämlich still da sitze und schwitze, bringen sich andere unentwegt in vermeintlich bessere Positionen. Schmatzen mit Schweiß. Räuspern sich. Husten. Stöhnen. Röcheln. Gähnen. Kratzen sich. Lachen oder reden. 
Aber ich bin still, was auch seinen Grund hat. Schließlich ist die Sauna ein hochsensibles Gebiet. Am liebsten wären mir strenge Benimmregeln. 
Denn – ich darf kurz erinnern: Man ist nackt, der Organismus läuft auf Hochtouren und versucht die Temperatur zu regulieren, man schwitzt, weswegen man meist auch nicht so gut aussieht. Infolgedessen möchte man auch nicht betrachtet werden. Nein, auch NICHT in ein Gespräch verwickelt werden. Ich persönlich möchte einfach still sitzen – und schwitzen. Entspannen. Und am liebsten ohne Geräuschkulisse. Schmatzen mit Schweiß geht da nicht. Räuspern – okay kurz. Husten – wenn’s halt sein muss. Stöhnen – nein! Röcheln – nein! Gähnen – ja, wenn leise. Kratzen – kann man sich für später aufheben. Auch lachen und reden sind raus, da brauch ich nix weiter zu sagen. Und noch was geht nicht – das hab ich neulich zum ersten Mal erlebt: Eine Frau mir gegenüber – Achtung: im Schneidersitz. Also hallo? Geht’s noch? Ob sie die Sauna mit dem Bikram-Yoga-Kurs verwechselt hat? Und wie ich mich so darüber wundere, passierte es: Ich habe mich bewegt! Ich konnte nicht anders. 
Ich musste einfach ungläubig den Kopf schütteln.

Montag, 13. Dezember 2010

In der Umkleidekabine. Teil 1.

Leer ist sie am schönsten – die Umkleidekabine
Fitnessstudios sind schon sehr speziell. Ich weiß, ich sollte das jetzt nicht sagen. Aber: Richtig Freundschaft geschlossen habe ich mit ihnen noch nicht. Und das liegt nicht etwa an der Tatsache, dass hier zu viel Schweiß in der Luft hängt, die Geräte zu eng beieinanderstehen, die Beleuchtung fies oder die Musik mäßig ist. Auch die oft grenzwertigen Hygienebedingungen sind nicht daran schuld. Nein. Der Grund liegt woanders. Genauer: in der Umkleidekabine. Mein persönlicher Ort des Grauens. Ja, jetzt ist es raus. Ich fürchte mich vor Umkleidekabinen. Ehrlich! Ich bin eher nacktheitsunbegeistert und beim Durchgehen würd ich einfach gern die Augen schließen. Die Gefahr, dass ich dabei dann allerdings direkt mit einem paar nackter Brüste zusammenpralle, erhöht sich umgekehrt proportional zu dem Faktum, dass mich so in Zukunft alle für völlig bescheuert halten. Also lass ich die Augen auf, hefte sie aber auf den Boden – so lange, bis ich vor einem geeigneten Spind stehe. Aufatmen. Umziehen. Ganz fix. Die Zeitspanne, in der ICH nackt in einer Umkleide stehe, würde manch einem nicht mal zum Luftholen reichen. Neulich aber, da kam ich nicht sehr weit. Ich hatte gerade meine Tasche ausgepackt, dann: „Hey, coole Turnschuhe!“ Ja, will ich sagen, finde ich auch, erschrecke mich aber zu Tode, als ich mich einer Nackigen gegenübersehe. Im Gegensatz zu mir macht ihr das aber nix aus! So überhaupt gar nix. Ich überlege kurz, wie unhöflich es wohl wäre, einfach nicht zu reagieren. Ja, doch, wäre unhöflich. „Mir gefallen sie auch. Die sind von daundda.“, sag ich und weiß nicht, wohin ich gucken soll, versuche die Ratlosigkeit durch ein möglichst sympathisches Lächeln wieder wettzumachen. Fehler! Die fremde Frau fühlt sich dazu animiert, munter drauf loszuplappern. Und weil ICH mich NICHT vor ihr nackig machen will, aber auch nicht gar nichts tun und erst recht nicht sie angucken will, tu ich so, als suche ich was in meiner Tasche, die so winzig ist, dass man in Wirklichkeit gar nichts darin verlieren könnte. „Ja, also in denunden Schuhen hat man viel bessere Stabilität …“, sagt sie und kommt näher. Als ich zurückweiche trete ich einer anderen Nackten fast auf die lackierten Zehnnägel. Rot. Signalfarbe. Löst irgendwas in mir aus. „Also – wir reden wieder, wenn Du angezogen bist!“, sag ich, sperre den Spind zu und eile davon.
Okay.
Das war gelogen.
Die Wahrheit ist: Ich hab gar nix gesagt, den Spind zugesperrt, verzweifelt gelächelt und bin davongeeilt.